Der Ausgangsversperrer - Ein Dämon der Kommunikation

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Der Ausgangsversperrer - ein Kommunikationsdämon. Bis hierher und nicht weiter gedacht.
Photo by Zac Gudakov / Unsplash

Vor Kurzem hat ein Satz unseres Bundeskanzlers für einigen Aufruhr gesorgt. Er hat gesagt, Kinderbetreuung sei "keine Arbeit". Der Satz war unglücklich formuliert. Er hat sich dafür entschuldigt.

Was mich seither mehr beschäftigt als der Satz selbst, ist das, was danach passiert ist – auf beiden Seiten.

Die einen sagen: So etwas sagt man nur, wenn man es wirklich so meint. Der Mann sei rückständig, ein Ewiggestriger, im Kern ein Unmensch.

Die anderen – auch Journalisten – vermuten Kalkül. Eine bewusste Zuspitzung, um sich als "der bessere Konservative" zu anderen etablierten Parteien zu profilieren.

Zwei völlig verschiedene Deutungen. Und doch haben sie eine gemeinsame Wurzel.

Diese Wurzel macht mir zunehmend Sorgen: In beiden Fällen wird dem Sprechenden abgesprochen, dass er einfach etwas gesagt haben könnte, das ihm in diesem Moment wichtig war. Es bleibt keine ehrliche Aussage mehr übrig. Es bleibt nur noch Charakterbeweis.

Der Dämon, der keine Widerlegung kennt

Ich gebe diesen Kommunikationsmustern gerne einen Namen. So werden sie greifbar und man kann sich darunter etwas vorstellen. Ich nenne sie Kommunikationsdämonen.

Dieser nennt sich der Ausgangsversperrer.

Er funktioniert wie eine Falle ohne Ausgang. Sagt jemand etwas Unbedachtes: Beweis für sein wahres Wesen.
Entschuldigt er sich: Kalkül, um Schaden zu begrenzen.
Bleibt er stur: Kalkül, um seine Basis zu bedienen.

Jede mögliche Reaktion landet im selben Raster. Es gibt keinen Weg mehr, den Verdacht zu entkräften. Das Irrwitzige: Der Verdacht ist meist gar nicht mehr an das gebunden, was tatsächlich gesagt wurde.

Diese Unterstellung fühlt sich für die, die sie äußern, nicht wie Bosheit an. Sie fühlt sich wie Wachsamkeit an, wie kluges Durchschauen. Aber sie hat einen hohen Preis. Wenn wir jemandem grundsätzlich unterstellen, nur zu taktieren, nehmen wir ihm die Möglichkeit, einfach ein Mensch zu sein - mit all seinen Sehnsüchten, Bedürfnissen und Unvollkommenheiten. Als jemand, der in einem Moment etwas sagt, was ihm wirklich am Herzen liegt.

Wenn das Muster zur Gruppenzuschreibung wird

Besonders deutlich wird mir das, wenn es nicht nur einzelne Politiker:innen trifft, sondern ganze Gruppen.

Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Sage ich als Mann etwas über die gesellschaftliche Situation von Frauen – zur Aufteilung von Sorgearbeit, zu Pflichten und Rechten, zu Ungerechtigkeit –, kommt nicht selten die Antwort: Du hast leicht reden, du bist ja ein Mann. Als könnte allein die Zugehörigkeit zu einer Gruppe eine Aussage schon entwerten, bevor ihr Inhalt überhaupt geprüft wurde.

Das ist derselbe Mechanismus wie beim Kalkül-Vorwurf, nur eine Ebene tiefer. Es geht nicht mehr um das, was gesagt wird. Es geht nur noch darum, wer spricht.

Die andere Seite der Medaille

Ich will nicht naiv sein. Es gibt echtes Kalkül in der Politik. Und es gibt echte blinde Flecken, die aus einer privilegierten Position entstehen. Misstrauen ist manchmal berechtigt. Manchmal sogar notwendig, um Machtmissbrauch aufzudecken. Wir dürfen kritisch bleiben.

Die eigentliche Frage ist, ob unsere Kritik noch die Tür offenlässt für die Möglichkeit, dass der andere es ehrlich gemeint hat. Dass da weder ein übler Gedanke noch eine absichtliche Boshaftigkeit mitschwingt.

Was das mit uns macht

Wenn wir uns gegenseitig grundsätzlich böse Absichten vorwerfen, verlieren wir etwas Grundlegendes: Die Möglichkeit echter Begegnung.

Empörung ist billig. Sie gibt sofortige Erleichterung und Zugehörigkeit zu einem Lager.
Verständigung ist teuer. Sie verlangt, Ambivalenz auszuhalten, nachzufragen statt zu urteilen. Sie verlangt, dem anderen zuzutrauen, dass hinter seinen Worten ein liebender Mensch steht – mit einer echten, vielleicht unvollständigen Wahrheit.

Genau das will ich mit der Schnabelweide: einen Ort, an dem wir uns einander anvertrauen gerade wegen unserer Unvollkommenheit – wo wir einander zuhören, bevor wir urteilen. Nicht jede Aussage lässt sich in richtig oder falsch einteilen. Größere Gerechtigkeit und echtes Verständnis entstehen selten aus dem schnellen Urteil. Sie entstehen aus einem geduldigen Nachfragen, einem liebevollen Blick und der Haltung, dass niemand alles wissen kann.