Was erst wächst, wenn der Vulkan schweigt

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Vulkan im Süden von La Palma, ausgebrochen vor 50 Jahren - ©Michael Graf

Nach einem Interview zur Weichenstellungsreise saßen wir noch zusammen und sprachen darüber, wie wir sichtbarer werden können.

Wie Menschen besser sehen, was da ist.

Was um uns herum längst wächst.

Irgendwann nahm ich den kleinen Vulkan aus Ton von meinem Schreibtisch in die Hand und sagte: „Ich sehe uns alle wie kleine Vulkane.“

Es war kein großer Satz. Eher ein Bild, das plötzlich da war.

Ein Vulkan trägt Kraft in sich. Feuer. Bewegung. Und zugleich bringt er etwas hervor, auf dem später etwas wachsen kann. Aus dem, was er ausspuckt, wird fruchtbare Erde.

So sehe ich manche Menschen.

Da ist viel da: Wissen. Erfahrung. Fähigkeiten. Ideen. Eine Art, andere zu nähren. Oft so selbstverständlich, dass es kaum auffällt.

Und doch leben viele von uns mit einem leisen Missverständnis. Wir glauben, es müsse erst noch mehr werden. Noch ein Angebot. Noch ein Schritt. Noch etwas, das wir beginnen, verbessern oder hinzufügen.

Vielleicht kennst du das. Du gibst gern. Du denkst weiter. Du entwickelst weiter. Du beginnst leicht etwas Neues. Nicht aus Eitelkeit. Oft aus Großzügigkeit. Weil du etwas beitragen willst. Weil du spürst, dass da viel in dir ist.

Aber gerade darin übersehen wir manchmal, was längst gewachsen ist.

An diesem Nachmittag ging es nicht um Mangel. Eher um das Gegenteil. Die Frage war, wie Menschen annehmen können, was längst da ist. Wie sichtbar wird, was schon gewachsen ist. Und wie wir selbst die Früchte nicht nur anderen überlassen, sondern sagen: Das ist meins. Das gehört zu mir. Das darf ich geben. Und ja, dafür darf ich auch etwas nehmen.

Dann sagte einer der anderen diesen Satz: „Das Besondere an vulkanischer Erde ist, dass sie erst fruchtbar wird, wenn sie erkaltet.“

Ich blieb daran hängen.

Denn wenn ständig neue Lava darüberfließt, kann nichts wachsen. Dann wird das, was gerade Wurzeln schlagen wollte, gleich wieder bedeckt.

Plötzlich war das Bild ein anderes.

Nicht nur Feuer.

Nicht nur Kraft.

Sondern auch Ruhe. Abstand. Winter. Eine Zeit, in der nichts Neues dazukommen muss.

Vielleicht gilt das auch für unser Arbeiten und für das, was wir in die Welt bringen wollen.

Nicht alles wächst durch mehr Tun. Manches wird erstickt, wenn wir zu schnell wieder etwas darüberlegen.

Vielleicht braucht das Wertvolle, das längst da ist, etwas anderes: Zeit. Ruhe. Den Mut, nicht sofort wieder nachzuschütten.

Damit sichtbar wird, was da ist.

Damit etwas reifen kann.

Damit wir selbst erkennen, was wir längst geschaffen haben.

Und damit andere es annehmen können.

Vielleicht wächst nicht alles durch mehr Feuer.

Manches braucht Zeit, um Erde zu werden.